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Die Fortschritte und damit Qualitätssteigrung in
der Endoprothetik (Anwendung von
Kunstgelenken) hat zu einem Umdenken in der Behandlung schwerer Gonarthrosen
geführt. War die schwere Kniegelenksarhrose bis in die 70er Jahre
eine Domäne der konservativen Behandlung und Gelenkserhaltender Operationen
(Umstellungsosteotomien, Operation nach Löffler etc.) so vollführte
die Knieendoprthetik Ende der 70er Jahre eine wahren Siegeszug, sodaß
zum Beispiel schon Ende der 80er Jahre in den Vereinigten Staaten ebensoviele
Knie-
wie
Hüftkunsgelenke
implantiert (eingebaut) wurden.
Trotzdem wurden die Gelenksnahen Osteotomien
am Kniegelenk und hier vor allem die valgisierende Umstellungsosteomie
nie völlig verdrängt. Ursache ist vor allem die Tatsache, daß
die Arthrose an der Innenseite des Kniegelenkes (O-Beinabnützung ,
Varusgonarthrose, Abnützung des Innencompartements) sehr oft schon
in jugendlichen Jahren auftritt. Grund dafür ist einerseits eine nicht
selten angeborene O-Beinstellung, wobei die Belastungachse an die Innenseite
des Kniegelenkes verschoben wird und diese damit überlastet, andererseits
die weit häufigere Verletzung des Innenmeniskus, die zu einem Verlust
seiner Aufgabe als Dämpfer, Stabilisator und Hersteller der
Kongruenz zwischen Oberschenkel- und Unterschenkelknorren führt. So
finden sich immer häufiger relativ junge Menschen im Alter von
30 und 40 Jahren in meiner Ordination ein, die schon eine beträchtliche
Abnützung an der Innenseite eines Kniegelenkes aufweisen und zusätzlich
sehr oft eine Achsfehlstellung im Sinne einer O-Beinstellung. Sind wir
beim Einbau von Hüftkunstgelenken
auf Grund ihrer Haltbarkeit in den letzten Jahren bezüglich der Altersgrenze
nach unten großzügiger geworden, so sind wir bei der Indikation
des Kniekunstgelenkes noch etwas zurückhaltender
und versuchen dieses wenn möglich nicht vor dem 60. Lebensjahr zu
implantieren, also etwa 10 Jahre später als Hüftkunstgelenke.
Um den Zeitraum zwichen Auftreten einer stärkeren Kniegelenksarthrose
und dem 60. Lebensjahr zu überbrücken und um eine der Ursachen
der Arthrose, nämlich das O-Bein, auszuschalten bietet sich die Metode
der valgisierenden, hohen Schiebeinkopfosteotomie an. Dabei wird nach genauer
Ausmessung des Winkels zwischen dem Ober- und Unterschenkel und Bestimmung
der Trageachse des Beines anhand einer einer Konstruktionszeichnung angefertigt
mit Hilfe einer speziellen Röntgenaufnahme des ganzen Beines im Stehen,
eine nach außen offener Keil aus dem Schienbeinknorren herausgesägt
und anschließend die beiden Schnittflächen wieder zusammengeführt,
sodaß eine leichte X-Beinstellung resultiert. Dies bewirkt, daß
die Belastungs (Trage-) achse des Beines von der beschädigten inneren
Hälfte des Gelenkes in die äußere Hälfte verlagert
wird. Letzteres führt zu einer Entlastung der Innenseite, während
die Außenseite nun mehr Last übernehmen muß. Voraussetzung
ist natürlich, daß die äußere Hälfte des Gelenkes
noch einigermaßen intakt ist und eine O-Bein Fehlstellung tatsächlich
besteht. Die Größe des entnommenen Keiles hängt von der
gewünschten Korrektur in Richtung X -Bein ab und wird anhand der oben
angeführten Konstruktionszeichnung bestimmt. Eine leichte Überkorrektur
in Richtung X-Bein ist erwünscht um den beabsichtigten Entlastungseffekt
an der Innenseite zu erreichen. Man darf sich allerdings nicht vorstellen,
daß es dadurch wieder zu einem Aufbau des zerstörten Knorpels
an der Innenseit kommt. Ziel ist einerseits durch die Entlastung eine Schmerzreduktion
andererseits ein Fortschreiten des Abnützungsprozesses zu erreichen.
Man könnte einen Vergleich mit der Spur der Vorderachse bei Automobilen
herstellen. Ist dort die Spur verstellt kommt es zu einer frühzeitigen
Abnutzung des Reifens an der Innen- oder Außenseite des Reifenprofiles.
Das Ausrichten der Spur wird einerseits das Fahrverhalten des Automobiles
und damit die Sicherheit verbessern, andererseits die beschleunigte Abnützung
des Reifenprofiles stoppen. Eine Wiederherstellung der Reifenoberfläche
wäre nur durch Erneuerung des Reifen selbst zu bewerkstelligen, was
im Falle des Menschen den Austausch des Kniegelenkes bedeuten würde.
Kommt ein Patient in die Nähe des Prothesenalters, empfiehlt es sich
oft mit anderen Mitteln - meist konservativ also schmerz- und entzündungshemmenden
Medikamenten, Schuhzurichtungen, Belastungsreduktion, physikalische Therapie
- den Patienten "hinüberzuretten" bis das Prothesenalter erreicht
ist, wobei die Altersgrenze, wann das Kunstgelenk eingebaut wird, natürlich
fließend ist und von mehreren Faktoren wie biologisches Alter, Gewicht
, Belastungsprofil, Stärke der Arthrose und O-Beinstellung, um einige
zu erwähnen, (Sport/Beruf) abhängt.
Die Umstellungsosteotomie am Kniegelenk
kann in Spinalanästhesie (Kreuzstich) also bei Bewußtsein des
Patienten oder in Allgemeinnarkose durchgeführt werden. Zur Erhöhung
der Genauigkeit der Knchenschnitte (Osteotomien) wird vom Operateur während
der Operation ein Bildwandler (Operationsröntgen) verwednet. Aus anatoischen
Gründen muß neben der Keilentnahme aus dem Schienbeinkopf zusätzlich
ein Stück aus dem Wadenbein herausgenommen werden. Der Zusammenhalt
der Schnittflächen, nachdem diese zusammengeführt wurden kann
durch einfache Knochenklammern, Klammerplatten, Klammern mit Schrauben
oder Platten und Schrauben bewerkstelligt werden. Nach der Operation
wird sehr bald mit Kniegymnastik begonnen um einer Einsteifung vorzubeugen.
Der Patient soll sein operiertes Knie für einige Wochen mit Armstützkrücken
(teil)entlasten. Je nach Stabiltät der Osteotomie (Knochenschnitte)
kommen auch Schienen aus Kunststoff oder Knieschienenaparate
zur Anwendung. Der normale Knochenheilungsprozeß bewirkt meist nach
6-8 Wochen ausreichend Stabilität um volle Belastung auch ohne Schienen
und Gehhilfen zu gewährleisten. Sportliche Aktivitäten die mit
Prellbelastungen einhergehen (Tennis, Joggen, Bergabggehen, Hallensport)
sollte wenn überhaupt nur in eingeschränktem Maß und erst
ein halbes Jahr nach Operation begonnen werden. Radfahren und Schwimmen
ist meist nach 4-6 Wochen möglich und zur Verbesserung der Beweglichkeit
wünschenswert.
An Komplikationen können
gelegentlich Infektionen, Beinvenenthrombosen (verschlüsse), meist
rückbildungsfähige Nervenschäden (Nervus peronäus)
sowie eine verzögerte Knochenheilung (Pseudarthrose) auftreten. Letztere
macht fallweise eine neuerliche Operation mit Anfrischen der Knochenschnitte
und Einbringen von zusätlichen Knochenmaterial notwendig. Operationsfehler
stellen die Über- oder Unterkorrektur der Beinachse dar, die zu Überbelastung
der Inneren- oder äußeren Kniegelenkshälfte führen
können. |